TAGUNG ÜBER DAS JÜDISCHE VEREINSWESEN

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Die Tagung wurde vom Forschungs- und Ausstellungsprojekt „Herklotzgasse 21” gemeinsam mit dem Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien und den Wiener Vorlesungen veranstaltet.
Konzept und Kooperationen wurden gemeinsam mit der Historikerin Evelyn Adunka entwickelt.

Die Tagung hat die Fragestellung nach dem Vereinswesen in einem weiteren theoretischen Fragehorizont jüdischer Kultur und Selbstbestimmung verfolgt.

Sie hat die allgemeine Fragestellung an das Forschungs- und Ausstellungsprojekt über eine spezifische lokale Gemeinde gebunden, in der die unterschiedlichen Vereine und lokalen Vereinsniederlassungen in ihrem institutionellen, personellen und räumlichen Wechselverhältnis studiert werden konnten.

Sie hat heute bestehende jüdische Vereine Wiens einbezogen, sie nach ihrer sozialen Position und nach ihrem Verhältnis zur Geschichte der Wiener jüdischen Gemeinde befragt.

THEMATISCHE FRAGESTELLUNGEN

Welche Aspekte des jüdischen Vereinswesens entsprangen dem eigenen Engagement der jüdischen Gemeinde und welche waren Reaktion auf die Umgebung: reagierend auf Zugangsschwierigkeiten zu nicht-jüdischen Vereinen (z.B. zu den stark deutsch-national geprägten Turnvereinen); und in Hinblick auf die rechtliche Verfassung der jüdischen Gemeinde gegenüber der politischen Organisation der Habsburg-Monarchie (ab der Gründung der Israelitischen Kultusgemeinde 1852) und jener der Ersten Republik?

Welche charakteristischen Unterschiede zeichnet das jüdischen gegenüber dem allgemeinen Vereinswesen aus?

In welchem Verhältnis zueinander stehen Fürsorgevereine, die numerisch einen großen Anteil ausmachen; Bildungs- und Freizeitaktivitäten gewidmete Vereine ohne spezifisch jüdische Bestimmung; und Vereine, die ausdrücklich jüdischer Kultur und Religion dienten? In welchem Grad ging es um die jüdische Vergesellschaftung, um unterschiedliche Konstruktionen jüdischer „Identität“, um politisches Empowerment?

Die Rolle von Frauen ist – im Verhältnis zu den religiösen und politischen Institutionen – im Vereinsleben auffällig stark und eigenständig. Wie kam es zu dieser Ungleichzeitigkeit und welche spezifische konzeptuelle und soziale Produktivität entwickelten Frauen in diesem Zusammenhang?

Zeichnet sich in der hohen Anzahl und in den Funktionen der Vereine eine Form der „politischen Kommune-Bildung“ ab – als Erbschaft von Jahrhunderten, in denen JüdInnen innerhalb der europäischen Nationen keine oder keine vollständigen BürgerInnenrechte eingeräumt wurden (in Österreich erst 1867); und als Reaktion auf fortgesetzte existentielle Gefährdungen jüdischer Gemeinden in Österreich und in angrenzenden Ländern (Wellen von Pogromflüchtlingen aus Osteuropa)? Wie verhielt sich diese politische Kommune-Bildung in ihren unterschiedlichen Schattierungen zur aktiven österreichischen StaatsbürgerInnenschaft im Wandel der Jahrzehnte von der bürgerlichen Gleichstellung 1867 bis zum Antritt der NationalsozialistInnen in Deutschland und Österreich? (Formal nahmen JüdInnen an demokratischen Wahlen einerseits auf einer nationalstaatlichen, Länder- und kommunalen Ebene teil und andererseits auf einer Ebene, die über die Zusammensetzung der politischen Organe der Israelitischen Kultusgemeinde entschied.)

Ein weiterer Aspekt dieses Themas besteht in der Ausnutzung der Vereinsorganisation und ihres Personals durch die nationalsozialistische Bürokratie für die Organisation der Vertreibung und schließlich für jene der Vernichtung; bzw. die Zusammenarbeit jüdischer Vereine mit derselben Bürokratie, die JüdInnen in allen existentiellen Belangen, insbesondere auch der „Auswanderung“, suchen mussten, sofern sie diese auf legalem Weg betreiben wollten.

In engem Zusammenhang mit dem Vereinswesen lässt sich die Frage nach der räumlichen Organisation, die JüdInnen selbstständig hervorbrachten, auf die sie dialogisch bezogen waren und in die sie gewalttätig gezwungen wurde, stellen. Das Stadtviertel bietet hierfür den anschaulichen Ausgangspunkt. Die Vereine selbst waren in ihrer organisatorischen Hierarchie regional, national, aber auch international stark gegliedert: Die soziale Sicherung insbesondere der materiellen Bedürfnisse musste lokal organisiert werden; und dasselbe gilt für zahlreiche Formen der alltäglichen Vergesellschaftung. Im Stadtviertel versammelten sich Vereine bevorzugt innerhalb einzelner Häuser. Die lokal tätigen Vereine waren zugleich aber auch an übergeordnete Vereinigungen gebunden: Einerseits waren (ab 1892) alle Vereine der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde unterstellt (in Parallele zur Eingemeindung der Vortorte in die Stadt Wien); andererseits waren mehrere der in der Herklotzgasse tätigen Fürsorge-Organisationen aus einer der Wiener Vereinigungen (der „Eintracht“) des Internationalen B’nai-B’rith-Ordens hervorgegangen.

Die jüdische Gemeinde-Organisation reicht in vielen Aspekten weit vor die staatsbürgerliche Anerkennung der JüdInnen in Österreich und anderen Ländern zurück; und sie war auch nach dieser Anerkennung, mit der ja keineswegs allgemeine Gleichberechtigung erreicht war, Komplement und Alternative zur nationalen Zugehörigkeit: als trans-territoriale kulturelle und institutionelle Vernetzung; als lokal verdichtete Kommunebildung; und schließlich im Zeichen der Auswanderung mit einer präzisen zionistischen Ausrichtung auf eine staatliche Einheit in Palästina, alsbald Israel.