Welche Stellung nahmen JüdInnen hier innerhalb der Industrie- und Gewerbeansiedlungen des frühen 19. Jahrhunderts ein? Aus welchen Teilen der Monarchie kamen die jüdischen Fünf- und SechshauserInnen? Welche Rolle spielten sie unter den Handwerksbetrieben und Geschäftstraßen des 15. Bezirks – und schließlich innerhalb des vergleichsweise armen und dicht besiedelten Arbeiterbezirks?


Inwieweit unterschied sich die weitgehend akkulturierte jüdische Minderheit überhaupt vom sozialen Profil ihrer Umgebung und worin beschritt sie Sonderentwicklungen? Wodurch konstituierte sich eine jüdische Gemeinde: als religiöse und kultische Gemeinschaft, als Volksgruppe und unter der Bedingung der Ausgrenzung?


Wie viele Menschen jüdischer Herkunft lebten hier bis zum Anschluss? Wem gelang die Flucht und wer blieb im Elend der Entrechtung, Verfolgung und schließlichen Ermordung zurück?


Wer waren die Profiteure der Beraubung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung? Was geschah mit dem „arisierten“ Besitz: mit den Wohnungen, Häusern, Geschäften, mit den zerstörten Synagogen?


Welchen kulturellen und geistigen „Besitz“ nahmen die Menschen jüdischer Herkunft, die vor den Nationalsozialisten fliehen konnten, nach Palästina und in den neu gegründeten Staat Israel mit? (Auf diesen Raum konzentrieren sich im Wesentlichen unsere Kontakte mit Überlebenden.) Wie erinnern sie sich an die Heimat ihrer Kindheit – und an die Heimat ihrer Eltern und Familien, von denen so viele in den NS-Vernichtungsmaschine ermordet wurden oder in Jahren der Flucht zugrunde gingen? Wie blicken sie heute, 70 Jahre nach dem Anschluss und 60 Jahre nach der Gründung Israels, auf Österreich?


Wie erging es den Menschen, die nach dem Krieg nach Wien zurückkehrten – meist mit dem Ziel, nach ihren Verwandten zu suchen – und die hier eine neue Existenz aufzubauen trachteten? Was bedeutete es, als jüdisches Kind im Wien der Nachkriegszeit aufzuwachsen? Was erwartete die Menschen, die hier versuchten, etwas von ihrem einstigen Besitz zurückzubekommen?


Im Gespräch mit Überlebenden differenzieren sich die Fragestellungen des Projekts im individuellen Erfahrungsspektrum und machen die Vielfalt von Lebensmodellen zwischen Judentum und österreichischer Mehrheitsgesellschaft, zwischen modernem Antisemitismus und den Antworten auf diesen greifbar. Wiesehr grenzte sich die Lebenswelt von Menschen jüdischer Herkunft überhaupt von nicht-jüdischen Gruppen, Familien, Nachbarn und Institutionen ab? In welchen Lebensbereichen und mit welchen Perspektiven schufen sie sich eigene Orte?


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