Die weitläufige Gemeinde im Westen Wiens zeichnete sich nicht durch eine besondere Dichte der jüdischen Bevölkerung aus. In Fünfhaus waren es 4,5 bis 5% der Gesamtbevölkerung, in den übrigen Regionen weniger – gegenüber einer jüdischen Bevölkerung Wiens von etwa 180.000 Personen oder 8 bis 9,5% der städtischen Gesamtbevölkerung (zwischen 1910 uns 1938). Die Wiener jüdische Bevölkerung lebte über die ganze Stadt verstreut, jedoch sehr unregelmäßig. Die höchste Konzentration bestand in den Bezirken I, II, IX und XX. Um die 10% waren es in den Bezirken VI, VII, VIII (um 1910). Im heutigen X., XI., XII., XIII., XVI., XVII., XXI. und XXII. Bezirk waren es hingegen deutlich weniger als in Fünfhaus.


Warum im allgemeinen Geschichtsbewusstsein die jüdische BewohnerInnenschaft von Fünfhaus kaum existiert, kann also nicht vor allem aus deren Zahl erklärt werden. Es hängt wesentlich mit dem Charakter des Bezirks und der jüdischen Gemeinde, die nicht mit den Clichées vom Wiener Judentum übereinstimmen, zusammen. Die Clichées sehen eine Dominanz von weitgehend assimilierten, wohlhabenden Freischaffenden, Industriellen, und hohen Angestellten einerseits – und von armen, religiösen „Ostjuden“, die sich im II. und XX. Bezirk konzentrierten, andererseits. Auch die philosemitische Vorstellung der überproportional aktiven jüdischen Intellektuellen und KünsterInnen greift in Fünfhaus und Rudolfsheim nicht.


Im Arbeiterbezirk dominierten zwar auch unter den JüdInnen ökonomisch schwächere Familien, aber nicht vorwiegend religiös Orthodoxe, sondern ArbeiterInnen und Kleingewerbetreibende. Sie waren in ihrem Lebenswandel stark akkulturiert, und in Übereinstimmung mit dem proletarischen Umfeld standen viele der Sozialdemokratie nahe. Zugleich waren sie relativ stark zionistisch organisiert, nicht wenige schon vor der Katastrophe des Anschlusses. Diese Tendenzen zeichnen sich in den Interviews mit ehemaligen BewohnerInnen und in statistischen Untersuchungen ab.


Das soziale, politische und kulturelle Profil der jüdischen Bevölkerung dieses Stadtteils ist also insofern besonders interessant, als es weit von den anti- wie philosemitisch unterlegten Clichées entfernt ist. (Unter diesem könnte allenfalls der „jüdische Marxist“ – als paradoxer Gegenpart zum „jüdischen Kapitalisten“ – seinen Gegenstand im 15. Bezirk finden.)


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